Andreas Friedrich - So nicht

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days to go

Stellen Sie sich vor, ein guter Freund war einen Abend lang bei Ihnen zu Besuch und will jetzt aufbrechen. Es ist spät geworden, und sie müssen noch dringend für den nächsten Tag etwas vorbereiten. Wie oft haben Sie sich bereits verabschiedet, standen schon an der Tür, die Hand auf der Klinke und der Besucher beginnt noch mit einem ganz neuen Thema? Und selbst, wenn Sie es bereits bis in den zugigen Hausflur geschafft haben, kann es sein, dass es lange weitere Minuten dauert, bis er sich endlich losreißen kann und wirklich geht. Nur gut, dass ihn die genervten Kommentare des höflich abwartenden Gastgebers nicht mehr erreichen.

So ähnlich geht es vielen Kolleginnen und Kollegen, die sich plötzlich mit der Tatsache konfrontiert sehen, dass ihr Unternehmen sie nicht mehr 'braucht' und sie bitteschön gehen sollen.
In der beruflichen Welt wird aber nicht so höflich und respektvoll agiert, wie wir es im privaten Umfeld pflegen. Da gibt es Vorgesetzte, die sehen im Personalabbau einen alltäglichen Job, den Sie bürokratisch erledigen müssen. Dass es dabei um Menschen und deren Gefühle geht, ist für sie unerheblich. Um im Bild zu bleiben, Sie lassen die Betroffenen ruhig zwischen Tür und Angel weiterreden, schweigen oder noch schlimmer, bedauern sie auch noch, jetzt nach draußen in die Kälte zu müssen und knallen dann einfach die Tür vor ihrer Nase zu. Man hat ja schließlich noch Wichtigeres zu tun. Echte 'Scheinheilige' eben. So lautet auch der Titel der nebenstehenden Mönchsfigur mit schussbereiter Zwille und tarnender Kutte.

Auch ich habe Trennungsgespräche verantwortlich geführt und dabei sicherlich einiges falsch gemacht. Aber mir war immer klar, die Wahrheit miss ich dem oder der Betroffenen direkt und ganz persönlich sagen. Nichts ist in einer derartigen Situation schlimmer, als das unehrliche Reden der Führungskraft von noch möglicher Hoffnung, dass es vielleicht doch noch einen Ausweg geben wird. Ganz schwache Chefs trauen sich aber noch nicht einmal das und lassen bei unangenehmen Themen immer andere reden.
Sollten Sie persönlich in eine derartige Situation des Personalabbaus geraten und von Arbeitslosigkeit bedroht sein, dann kann ich Ihnen nur dringend raten: achten Sie auf Ihr Selbstwertgefühl!

Nie darfst Du so tief sinken, von dem Kakao, durch den man dich zieht, auch noch zu trinken (Erich Kästner)

Mir persönlich haben in dieser Situation zwei Dinge entscheidend geholfen:

Erstens hatte ich die Option noch für einige Zeit in eine sogenannte betriebsorganisatorisch eigenständige Einheit wechseln zu können. Diese Transfergesellschaft gab mir, unabhängig von einem interessanten Kurs- und Schulungsangebot, das Wichtigste überhaupt: den Kontakt mit Menschen in der gleichen Lebenssituation. Für viele wird es sonst schwierig, in einer derartigen Situation einen aktiven Tagesrhythmus beizubehalten. Die Gefahr, die uns im Berufsalltag antreibende Strukturierung zu verlieren, ist extrem groß. Wenn dann noch erschwerend hinzukommt, dass es keine Impulse von außen gibt, weil wir uns im Haus verkriechen, kann die eigene Stimmung nur kippen. So schwierig es auch sein mag, gehen Sie offensiv mit dieser neuen Situation um. Suchen Sie das konstruktive Gespräch mit anderen Betroffenen. Setzen Sie sich Grenzen und Ziele!

Zweitens hat mir eine Haltung geholfen, die ein Kollege vor kurzem so formulierte: „Damit ich einen Tag als erfüllt bezeichne, muss ich etwas getan haben, das für mich eine besondere Bedeutung hat und mir wirkliche Bestätigung liefert. Nur eine Sache pro Tag, aber sonst vergeht die Zeit so schnell.“

Menschen brauchen Meilensteine

Das nebenstehende Bild zeigt Arbeiter einer Werft, die bei jedem Betreten des Schiffes an den unverrückbaren Termin des Auslaufens erinnert werden. Wer schon einmal Berichte darüber gelesen hat, weiß, eine entspannte Arbeitssituation herrscht hier nun wirklich nicht. Unerbittlich reduziert sich Tag für Tag der noch zur Verfügung stehende Zeitvorrat. Im Schiffsbau gilt: sobald der Zähler bei null angelangt ist, ‚geht die Reise los‘. Und jedem ist sofort klar, notfalls auch ohne mich.\\ Diese zeitliche Absolutheit unterstreicht die Wichtigkeit derartiger Projekte und dadurch gelingt es, alle Beteiligten auf das gemeinsame Ziel, hier den Meilenstein des Auslaufens, zu fokussieren. (Keine Regel ohne Ausnahme, Stichwort: BER)

Das Bild eines rückwärts laufenden Zählers stimmt aber auch nachdenklich. Was machen wir mit unseren Jahren, unserer Lebenszeit? Was machen wir gerade jetzt, in diesem Moment?

Und was setzen Sie sich für Meilensteine?



Days to go: noch 3 Tage bis Sonntag, noch 75 Tage bis Silvester


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